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Gerüche - Der Duft der Kindheit

Anleitung für die Mai-Schreibaufgabe

  1. Schließen Sie einmal die Augen und richten Sie Ihren Blick nach innen. 
  2. Dann gehen Sie entlang der Zeitlinie zurück. Zum Beginn Ihres Erwachsenseins, dann weiter zurück in Ihre Jugend, und noch weiter entlang der Zeitlinie, bis Sie in Ihrer Kindheit angekommen sind. 
  3. Sehen Sie sich dort um. Was sehen Sie? Was hören Sie? Und dann: Was riechen Sie? 
  4. Welcher Duft kommt Ihnen als erstes in die Nase?
  5. Schnuppern Sie, verweilen Sie dort. Nehmen Sie den Duft genau wahr. Ist er eher süßlich? Ist er würzig? Oder bitter? Oder vielleicht ganz anders - wie? Nehmen Sie alle Nuancen auf, schnuppern Sie genau hin und wenn Sie genug Duft in der Nase haben, dann lassen Sie sich davon zu einer Geschichte inspirieren. 

Es riecht nach ... Kuh und Heu und frisch gemähtem Gras

 

Wenn ich meine Augen schließe und zurückdenke an meine Kindheit, dann ist es der würzige Geruch von Heu und Stall, der mir als erstes in die Nase kommt. 

 

Urlaub auf dem Bauernhof, Camping in Kärnten, sobald ich Kuhdung rieche oder frisches Heu ist sie wieder da die Erinnerung. 

 

Sommer, in denen ich barfuß über Wiesen laufe, in denen wir Suppe auf einem Gaskocher kochen, in denen wir mit kleinen Eimern durch den Wald gehen und Blaubeeren sammeln. Oder Himbeeren. Später als ich älter werde, liege ich mit anderen Jugendlichen auf Handtüchern am See, wir albern herum, rennen ins Wasser, ich lerne Surfen (ich bin wirklich kein Talent) und liege stundenlang auf der Schwimminsel im Wasser bis ich Sonnenbrand und einmal auch einen Sonnenstich bekomme. 

 

Morgens bin ich früh wach und Papa und ich gehen zum Brötchen holen in das "Lädle" im oberen Teil des Campingplatzes. Wir kaufen nicht nur Brötchen, sondern auch eine Hartwurst, die Papa liebt und auf dem Rückweg bekomme ich immer ein Vanilleeis vom Kiosk. Schon vor dem Frühstück. Es ist ganz gelb und wunderbar vanillig und Papa kauft mir eine, sich zwei Kugeln. Dienstgradmäßig, sagt er.

 

Als ich 13 werde und wir noch immer nach Kärnten fahren, möchte ich abends mit den anderen Jugendlichen noch ein bisschen feiern gehen. Es gibt keine Disco oder so, wir machen einfach ein Lagerfeuer in der Nähe des Waldes, sitzen drum herum und unterhalten uns. André aus Berlin und ich sind sehr verliebt. Wir sitzen nebeneinander, André trinkt "Stierblut", ein billiger Rotwein, der damals sehr beliebt unter den Jugendlichen war. Später als es kalt wird, setzen wir uns auf eine Bank und knutschen ein bisschen. Die anderen gehen langsam nach Hause, doch André und ich bleiben noch eine Weile. 

 

Plötzlich nehmen wir aus der Dunkelheit Stimmen wahr, ich erschrecke mich zu Tode. Vor uns stehen mein Vater und meine Mutter. Sie verstehen nicht, wie es ist, jung zu sein und zum verliebt sein bin ich ihnen einfach noch zu klein. 

 

"Ha sag mal, Ute, i denk du bisch bei ma Feschtle? Ond jetzt sitsch du hier alloi mit ama Kerle ond dusch Schnullepeterles?" gab mein Vater sehr erzürnt von sich. (Übersetzt: " Sag mal Ute, ich dachte du bist bei einem Fest und jetzt sitzt du hier und küsst fremde Jungs?")

 

Es war eine unendlich peinliche Situation, an deren Ende ich sehr beschämt hinter meinen Eltern her nach Hause dackeln musste und mein Vater ein abendliches Ausgehverbot nach 22 Uhr verhängte. Ich wusste natürlich, dass meine Eltern abends selbst gerne noch im Restaurant ein "Viertele" zu sich nahmen, aber als ich ganz leise die Campingwagentür öffnete, um herauszuspäen, mit der Absicht, mich wieder zu den anderen Jugendlichen zu gesellen, da saß mein Vater mit einem Glas Wein im Vorzelt und fragte: "Ond wo willsch du jetz na?" - worauf ich sehr schnell wieder die Tür schloss und zurück in mein Bett ging. 

 

Ich hatte strenge Eltern. Oder zumindest einen sehr strengen Vater. 

 

André und ich schrieben uns eine Weile Briefe von Berlin nach Tübingen und zurück. Er ist Konditor geworden und war sehr stolz darauf. Aber nach einer Weile versandeten unsere Briefe. Wir waren erst 13. Wir haben uns auch nicht wiedergesehen, als ich später nach Berlin gezogen bin. 

 

Aber immer wenn ich den Duft von Heu und Kühen rieche, dann überkommt mich die Leichtigkeit dieses Sommers in den Bergen an einem blauen See. Die Wärme, die Sonne und die Verbundenheit unter uns Jugendlichen - wenn auch nur jeweils für einen Sommer. Aber wie lang ist ein Sommer, wenn man jung ist ...

 


Coachinganregungen

  • Nehmen Sie einen solchen Duft auch heutzutage manchmal wahr?
  • Welche Gefühle löst er in Ihnen aus?
  • Wenn er positive Gefühle auslöst: Wie können Sie sich heute Situationen schaffen, wo Sie diesen - glücklich machenden - Duft öfters riechen?
  • Wenn er negative Gefühle auslöst: Womit genau hängen die negativen Gefühle zusammen? 
  • Bei negativen Gefühlen, die sich nicht so leicht abschütteln lassen: Erden Sie sich, indem Sie in Ihre Füße hineinspüren, wie diese im Boden verankert sind und Sie tragen. Sehen Sie sich im Raum um und betrachten Sie alle Gegenstände ausgiebig, sodass Sie sie beschreiben können. Sie sind jetzt hier im Jahr 2022, die negative Situation ist vorbei.
  • Gibt es eine Stärke, die Sie vielleicht in dieser Situation oder aus dieser Situation heraus entwickelt haben?

Gut zu wissen

Der Geruchssinn ist einer unserer ältesten Sinne und es spricht viel dafür, dass er direkter mit unserem Gehirn verknüpft ist als andere Sinne. Über diesen Sinn lassen sich also sehr gut Erinnerungen erschließen. (Nachlesen)

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