Ein Blatt Papier voller Namen
Aus meinem Weihnachtsurlaub auf der Schwäbischen Alb bin ich mit einem Blatt Papier zurückgekommen, auf dem lauter Namen stehen: Geburtsdaten, manchmal auch Sterbedaten, die Namen meiner Großeltern, Tanten, Onkel und Cousinen. Ein unscheinbares Blatt – und doch voller Geschichte.
Jetzt könnte ich meinen Familienstammbaum bei FamilySearch ergänzen oder eine Vorlage ausfüllen, wie die beigefügte (bei Canva gibt es so viele schöne!). Und während man so die Namen einträgt, vielleicht überlegt, wie die Oma mit zweitem Vornamen hieß oder welchen Geburtsnamen sie trug, kann es passieren, dass sich vor dem inneren Auge etwas öffnet. Ein Bild. Ein Raum. Ein Geruch. Eine Erinnerung, die man lange nicht mehr gedacht hat.
Wenn der Stammbaum erst einmal ruht
Manchmal lässt man den Stammbaum dann eine Weile ruhen und wendet sich den Erinnerungen zu. Manchmal geschieht aber auch das Gegenteil: Man recherchiert plötzlich wie verrückt, folgt jeder Spur, kommt vom Hundertsten ins Tausendste und hält am Ende ein beeindruckendes Ergebnis in den Händen – nur eben noch keine Geschichte. Das macht nichts. Die Geschichten dürfen warten.
Warum Daten allein nicht tragen
Denn so sehr Namen und Daten uns selbst interessieren mögen: Andere Menschen berühren sie in der Regel weniger. Auch wenn es minutiöse Aufzählungen schon in der Bibel gibt – seien wir ehrlich, wer liest sie wirklich bis zum Ende? Was uns fesselt, sind Geschichten. Solche, in die wir eintreten können, die uns erlauben mitzusehen, mitzuriechen, mitzufühlen. Deshalb empfehle ich, gern mit dem Stammbaum zu beginnen – um Erinnerungen zu aktivieren, vielleicht auch, weil Ahnenforschung einfach Freude macht –, die eigene Biografie aber mit einer Geschichte zu eröffnen.
Der Stammbaum als Einstieg, nicht als Ziel
Ich selbst habe meinen Stammbaum irgendwann ganz schlicht begonnen: meine Eltern, meine Großeltern, zwei Tanten und zwei Onkel. Mehr nicht. Und während ich diese Namen aufschrieb, kamen plötzlich Bilder: eine Küche, ein bestimmter Geruch, ein Satz, der oft gesagt wurde. In diesem Moment wurde mir klar, dass der Stammbaum kein Ziel war, sondern ein Einstieg.
Vielleicht geht es dir ähnlich. Dann lohnt es sich, innezuhalten und zu fragen: Bei welcher Person bleibe ich innerlich hängen? Wer taucht immer wieder auf, auch wenn ich eigentlich über mich selbst schreiben wollte? Genau dort liegt oft der Anfang einer Biografie.
Nicht ganz vorne beginnen
Viele glauben, eine Lebensgeschichte müsse ganz vorne beginnen – bei der Geburt oder sogar noch früher. Ich ermutige dich zu etwas anderem: Beginne dort, wo es für dich lebendig wird. Vielleicht bei deiner Mutter und einem Satz, den sie oft sagte. Bei deinem Vater und einer Haltung, die dich bis heute begleitet. Oder bei einer Erinnerung, die sich immer wieder meldet.
Ein Stammbaum ist keine Chronik der Weltgeschichte. Er ist ein Resonanzraum. Er zeigt, in welche Zeit, in welche Familie, in welche Umstände dein Leben eingebettet ist – und macht zugleich deutlich: Du bist die Hauptperson deiner Geschichte. Nicht die Ereignisse, nicht die Jahreszahlen. Du.
Ein Beispiel: So kann ein Anfang aussehen
Als ich meinen Stammbaum ansah – nur den kleinen mit meinen Eltern und Großeltern –, blieb mein Blick an einer Großmutter hängen, der Mutter meines Vaters. Oma Reutlingen. Zwei Marias gab es in meiner Familie, auch zwei Adolfs. So war das damals.
Ich sehe sie in der Küche. Der Boden ist frisch gewischt, es riecht nach Putzmittel, nach Ordnung. Während sie putzt, zeigt sie mir, wie man ein Taschentuch umhäkelt. Der Faden läuft sicher durch ihre Finger, Masche für Masche, und ich sitze daneben, das Taschentuch auf dem Schoß, halte den Atem an, damit ich nichts falsch mache.
„Nicht so locker“, sagt sie und zieht den Faden noch einmal durch dieselbe Masche.
Mein Großvater ist anders. Er ist lieb zu mir, geduldig. Wir spielen Mühle oder Mikado – das mag ich besonders – und er wartet, bis ich an der Reihe bin, wartet wirklich. Manchmal gehen wir spazieren. Er geht viel spazieren, morgens zwei Stunden, nachmittags noch einmal zwei. Heute weiß ich, dass er geht, weil er und meine Großmutter sich nicht verstehen. Damals wusste ich nur: Bei ihm ist es weit. Ich darf einfach ich sein.
Beim Gehen redet er viel mit mir, mehr als andere Erwachsene das tun.
„Zur Marine solltest du“, sagt er. „Da waren meine besten Jahre.“ Auf dem Torpedoboot.
„Heiraten?“ Er winkt ab.
„Hitler?“ Mehr sagt er nicht.
Ich verstehe nicht alles. Aber ich spüre, dass hier etwas gesagt wird, das wichtig ist.
Wenn ich an meine Großeltern denke, sehe ich keine Daten. Ich sehe zwei Welten: die Küche, den Faden und den Weg draußen. Beide gehören zu mir. Und irgendwo zwischen Umhäkeln und Spazierengehen beginnt meine Geschichte.
Und jetzt du
Vielleicht hast du deinen Stammbaum schon gezeichnet, vielleicht liegt er noch als Idee in deinem Kopf. Schau ihn dir an und frage dich nur dies: Bei welcher Person bleibst du hängen? Welche Szene meldet sich zuerst? Nimm nicht die wichtigste, sondern die lebendigste.
Beginne dort zu erzählen, ohne an Regeln zu denken, ohne an Formulierungen zu feilen. Schreib einen ersten Entwurf, am besten in einem Zug, und leg ihn dann weg. Geh spazieren, räum etwas auf, tu etwas ganz anderes. Lies die Szene später noch einmal – und hör, was sie dir weiter erzählen will.
Für den Anfang deiner Biografie darfst du sammeln. So lange, wie du Lust hast.
Ich wünsche dir viel Spaß bei deinen ersten Zeilen!
Herzliche Grüße
Ute Matthias
