
Ein Abend im Kino
Vorletzte Woche saß ich im Kino und habe "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" gesehen - nach dem autobiografischen Buch von Joachim Meyerhoff.
Ich mag solche Stoffe. Menschen, die ihr eigenes Leben anschauen und den Mut haben, daraus Literatur zu machen.
Ich habe mir sogleich die weiteren Bücher dieser Reihe gekauft. Und was mich besonders angesprochen hat: Joachim Meyerhoffe beginnt nicht mit einer lückenlosen Schilderung seiner Kindheit, er sagt sogar, er erinnere sich an wenig bis nichts aus seiner Kindheit - und erzählt dann doch einzelne Szenen, die ihm erzählt wurden. Von denen er noch Fragmente im Kopf hat. Daraus entsteht ein Bild.
Und wenn man dieses Buch liest, kann man sehen, dass wir unsere Kindheit für eine Biografie gar nicht vollständig aufrollen müssen, Jahr für Jahr, Erinnerung für Erinnerung. Vielleicht reicht es, wenn wir uns fragen, wie sich die Welt damals angefühlt hat. Welche Farbe sie hatte oder welche Geräusche.
Im Januar sind wir mit einem Blatt voller Namen begonnen, mit einem Stammbaum als Resonanzraum. Wir haben uns verortet in einer Reihe von Menschen, aus denen wir kommen.
Im Februar gehen wir einen Schritt weiter. Wir betreten die Welt, in die wir hineingeboren wurden.
Orange
Ich bin 1966 geboren. Wenn ich an die Welt denke, in der ich klein war, denke ich an Orange.
Der VW-Käfer meiner Mutter war orange. Ein leuchtendes Orange, das auf Parkplätzen nicht zu übersehen war. Übersehen konnte man allerdings meine Mutter, wenn sie darin saß, denn es sah immer aus, als käme ein Wagen ohne Fahrer, weil sie klein war und tief saß. Später standen orangefarbene Polstermöbel im Wohnzimmer. Dazu eine ordentliche Schrankwand in einem warmen Holzton, vielleicht Kirschbaum. Der schwarz-weiß Fernseher verschwand darin, er durfte erst um 20 Uhr zur Tagesschau raus. Es gab drei Programme, ARD, ZDF und das Dritte. Wenn man umschalten wollte, musste man hingehen und die Knöpfe drücken. Es klickte hörbar, ein sattes mechanisches Geräusch. Mein Vater hatte die Hoheit über die Knöpfe und später auch über die Fernbedienung.
"Was wollt ihr sehen?", fragte er - und schaltete dann doch das ein, was er sehen wollte.
Die Vorhänge waren orange-braun gemustert, große Schwünge, die ich als Kind manchmal betrachtete. Auf dem Boden liegend verfolgte ich das Muster.
Das Wohnzimmer war kein Ort für Spielzeug. Es war ordentlich, erwachsen. Nur zu Weihnachten war das kurz anders, da durfte auch mal der Zug durchs Wohnzimmer fahren oder die Carrera Rennbahn. Ansonsten setzte man sich gerade hin und sprach nicht dazwischen, wenn man ein Kind war.
So war die Zeit in meiner Erinnerung: strukturiert, funktionierend, ein wenig streng. Sparen war unglaublich wichtig. Deshalb war es auch immer etwas kühl im Wohnzimmer. Wenn Vater nicht da war, machte ich den Heizlüfter an.
Sonntag
... war eine besondere Zeit damals. Sonntags blieb man zuhause oder traf sich mit Verwandten. Sonntags spielte man nicht mit anderen Kindern.
Freitagabend roch die Küche süß. Meine Mutter backte Kuchen. Meist Streusel-, manchmal Marmorkuchen oder Zitronenkuchen, oft nach einem Rezept von Dr. Oetker, so wie mein Vater es mochte. Er liebte auch Grießpudding als Guß auf Heidelbeerkuchen. Oder saftigen Käsekuchen.
Am Samstag- und Sonntagmorgen standen ordentliche Stücke auf dem Tisch. Am Wochenende gab es Kuchen zum Frühstück, unter der Woche Marmelade. Aber nur eine, wir waren Schwaben.
Der Sonntagmorgen war der gemütlichere, denn Samstags musste direkt nach dem Frühstück geputzt werden (meine Mutter), der Garten bestellt werden (mein Vater). Oft kamen noch Opa und Oma als Gartenhelfer dazu. Sonntags erzählte mein Vater zum Frühstück gerne die Krimis nach, die er am Abend zuvor im Fernsehen gesehen hatte, manchmal auch mit uns.
"Also", begann er, "der Kommissar kommt rein ..."
Meine Mutter und ich saßen da und hörten zu. Jede Nebenfigur bekam ihren Auftritt, jede Wendung wurde erklärt. Manchmal dauerte seine Erzählung länger als der Film selbst. Wenn ich mit der Gabel klapperte oder den Blick zu lange aus dem Fenster schweifen ließ, veränderte sich etwas in seiner Stimme. Die Stimmung konnte kippen, man musste vorsichtig sein.
Nach dem Mittagessen ging es bei einigermaßen schönem Wetter in den Schönbuch spazieren. Stundenlang. Meine Beine wurden müde, ich vermisste Geschwister. Jemand mit dem ich mich hätte unterhalten oder über Bäche springen können. Manchmal jammerte ich, aber es half nichts. An ganz ganz guten Sonntagen kehrten wir ein in die Waldklause und ich durfte ein Saitenwürstle mit einer halben Scheibe Toastbrot essen. Das war großartig. Und der 2-stündige Rückweg ging dann auch besser.
Am liebsten mochten meine Eltern es, wenn ich einfach mitlief und mich freute dabei sein zu können.
Der Vater einer Freundin brachte es einmal auf den Punkt:
Kinder sollen wie Fische sein, sagte er. Man kann sie sehen, aber nicht hören.
So war das damals: Man lief mit. Man hörte zu. Man störte nicht.
Die Fahrt nach Kärnten
Für den Urlaub packten meine Eltern den orangenen Käfer bis unter das Dach. Zeltstangen, Taschen, Gaskocher. Hinten auf der Rückbank gab es keine Gurte. Ich lag quer, den Kopf am Fenster, und spürte die Vibration der Straße unter mir.
Im Alltag war mein Vater oft müde und angespannt. Ich wusste früh, wann ich ruhig sein musste.
Aber auf diesen Fahrten war es anders. Er lachte mehr. Ich durfte sogar Kaugummi kauen, was nicht selbstverständlich war, und beugte mich im Auto nach vorne und schmatzte in sein Ohr. Er ließ es zu.
Wir schliefen in einem großen Hauszelt, blau und orange. Wenn es regnete, trommelte es auf die Plane, und alles rückte enger zusammen. Vielleicht war das der eigentliche Luxus dieser Zeit: dass meine Eltern nicht wegkonnten, dass wir unter demselben Stoffdach blieben, während draußen der Regen fiel. Dann spielten sie sogar mit mir.
Zeit von innen
Ich bin in eine Welt hineingeboren worden, in der Möbel wuchtig waren, Fernseher schwarz- weiß, Väter erschöpft und Urlaube einfach.
Eine Welt, in der Kinder nicht im Mittelpunkt standen, sondern mitliefen.
Ich habe früh gelernt, Stimmungen zu lesen. Ich habe früh gespürt, welches Verhalten gerade akzeptiert wurde und welches nicht.
Das ist kein vollständiges Bild meiner Kindheit, aber es sind Fenster. Und durch sie kann man auf das Leben von damals schauen.
Und jetzt du!
Bevor ich diesen Text geschrieben habe, habe ich bei youtube "60iger Jahre Deutschland" eingegeben. Dort wurden Szenen gezeigt, die ich wiedererkannte. Rauchen war chic. Autos hatten keine Sicherheitsgurte. Kinder spielten draußen auf der Straße und wurden nicht getrackt. Eltern sprachen sehr bestimmt mit ihren Kindern und der normale Alltag bestand aus Arbeit, auf die man stolz war. All das hat Erinnerungen in mir geweckt.
Vielleicht magst du das auch einmal ausprobieren? Gib dein Geburtsjahr ein. Oder "Kindheit in den ...." und dein Jahrzehnt und schau, was passiert.
Hier sind noch ein paar Fragen, die dir helfen können:
- Welche Farbe hatte deine Kindheit?
- Wie roch deine Kindheit?
- Was galt als "normal"?
- Was durfte man sagen und was nicht?
- Welche Sätze oder Sprüche hast du oft gehört?
- Wie fühlte sich der Sonntag an?
- Welche Geräusche gehörten zu deiner Welt?
- Wovor hatten die Erwachsenen Angst und wovon träumten sie?
Ich wünsche dir viel Freude beim Eintauchen in deine Welt von damals.
Herzliche Grüße
Ute Matthias
