· 

Meine Biografie: Zurück in die Jugend

Das bin ich mit 15 oder 16 ... lang lang ists her.
Das bin ich mit 15 oder 16 ... lang lang ists her.

 

Geh zurück und biege anders ab

Als ich darüber nachdachte, wie ich diese Reihe fortsetzen möchte, kam mir die Jugend in den Sinn.

 

Nach dem Stammbaum im Januar, der Welt meiner Kindheit im Februar und der Perspektive von außen im März – schien mir das ein nächster, fast logischer Schritt zu sein: zurückzugehen in eine Zeit, in der vieles zum ersten Mal geschieht.

 

Und gleichzeitig fiel mir auf, wie oft Menschen in meinem Alter sagen:

Ich wäre so gern noch einmal jung. Ich habe mich gefragt, ob ich das auch möchte. Und wenn ja:

Wohin würde ich eigentlich zurückreisen?

Zu welchem Moment?

Zu welcher Begegnung?

Zu welcher Version von mir selbst?

 

Ich habe ein bisschen darüber nachgedacht – und gemerkt, dass ich gar nicht in eine „bessere“ Zeit zurückmöchte. Aber vielleicht in einen ganz bestimmten Moment. Einen, an dem ich heute stehen bleiben würde.

 

Die Erinnerung

Ich war sechzehn, und ich war mit einem Jungen zusammen – nennen wir ihn Bernd.

 

Ich weiß gar nicht mehr genau, wo wir uns kennengelernt haben. Vielleicht auf einer Party, vielleicht irgendwo zwischen zwei Schulen – er auf dem Käppi-Gymnasium, ich auf dem Wildermuth. Es war nichts Besonderes an diesem Anfang. Keiner dieser Momente, von denen man später erzählt.

 

Und dann waren wir einfach zusammen.

 

Bernd war ein wirklich netter junger Mann. Nicht laut, nicht auffällig – aber da. Verlässlich. Freundlich. Wir waren viel in der Stadt unterwegs, gingen durch die Straßen ohne Ziel, einfach nur zusammen. Er kam zu mir nach Hause, verstand sich gut mit meinen Eltern. Ich mochte seine auch.

 

Zu Weihnachten habe ich ihm Stulpen gestrickt, mit norwegischem Muster. Er hat sich so darüber gefreut, dass ich es bis heute vor mir sehe.

 

Er war groß, hatte grüne Augen und blonde Haare – und diese Dauerwelle, die er sich hatte machen lassen, weil er seine eigenen Haare vorher nicht mochte. Ein bisschen eigen vielleicht, aber auf eine rührende Art.

 

Und dann hat er einmal zu mir gesagt, ganz ernst, fast ein wenig verwundert, er könne sich gar nicht vorstellen, dass sich so eine tolle Frau wie ich für ihn interessieren würde. (Das ist mir richtig peinlich, das so aufzuschreiben.)

 

Ich weiß noch, dass ich das seltsam fand. Weil ich dachte: Aber du bist doch… ein wirklich netter Mensch. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir zusammen waren. Ich weiß nur, dass ich ihn irgendwann verlassen habe.

Ich weiß nicht mehr, warum. Aber ich weiß noch, dass für ihn die Welt zusammenbrach. Dass er anrief, immer wieder. Dass er sagte, er könne nicht ohne mich leben.

 

Und ich weiß noch etwas anderes, das mich heute fast mehr beschäftigt als alles andere:

Dass es mich nicht berührt hat.

 

Heute frage ich mich:

War ich jemals wirklich in Kontakt mit ihm? Hat mich interessiert, wer er war, was er dachte, was er sich wünschte? Oder ging es mir um etwas anderes – um Nähe, um Bestätigung, um dieses Gefühl, gesehen zu werden?

 

Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Es gibt diesen einen Moment, der mir in Erinnerung geblieben ist.

 

Die Szene

Es ist kurz nach Weihnachten. Die Luft ist klar und kalt, so dass jeder Atem sichtbar wird.

 

Wir gehen nebeneinander die Straße hinauf, vorbei an den Geschäften in Tübingen. Die Schaufenster sind noch geschmückt, Lichter spiegeln sich im Glas. Es ist dieses langsame Gehen ohne Ziel, einfach nur zusammen.

 

Bernd trägt die Stulpen, die ich ihm gestrickt habe. Norwegermuster, ein bisschen zu groß vielleicht, über seiner Jeans. In seiner Hand hält er seinen Helm. Wir reden. Irgendetwas Alltägliches. Ich weiß nicht mehr, was.

 

Dann bleiben wir kurz stehen, weil wir uns im Schaufenster sehen. Zwei Gestalten im Glas. Ein Paar, könnte man denken. Er schaut erst sein Spiegelbild an, dann mich.

 

Und sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass sich so eine tolle Frau wie du für mich interessiert.“

 

Ich stutze. Es ist nur ein kleiner Moment, aber er ist da. Wie ein feiner Riss. Ich denke: Warum macht er sich so klein? Und gleichzeitig verstehe ich etwas anderes, ohne es auszusprechen: Dass er glaubt, wir seien nicht auf einer Ebene. Dass er mich höher sieht. Und sich darunter.

 

Ich spüre, wie etwas in mir kippt. Ganz leise. Fast unmerklich. Ich sage nichts dazu. Ich lächle vielleicht. Winke ab. Und wir gehen weiter.

 

Die Abzweigung

Und wenn ich heute noch einmal dort stehen würde, in dieser Kälte, vor diesem Schaufenster, würde ich bleiben. Ich würde mich nicht wegdrehen. Ich würde dieses kleine Kippen ernst nehmen.

 

Ich würde ihn anschauen. Wirklich anschauen. Und sagen: „Warum sagst du das?“

 

Ich würde nicht ausweichen. Nicht beruhigen. Nicht einfach weitergehen. „Du bist doch ein toller Mensch“, würde ich sagen. „Erzähl mir von dir.“  Und dann würden wir nicht weitergehen.

 

Wir würden irgendwo hineingehen. In ein Café vielleicht, die Hände noch kalt vom Draußen. Und ich würde fragen:

 

Was wünschst du dir?

Was denkst du über dein Leben?

Was ist dir wichtig?

 

Und ich würde zuhören. Nicht, um zu antworten. Sondern um zu verstehen.

 

Was bleibt

Vielleicht hätte das nichts verändert. Vielleicht wären wir trotzdem auseinandergegangen. Aber ich glaube, ich hätte ihn gesehen. Und vielleicht auch mich selbst ein bisschen mehr. Und genau darum geht es mir bei diesem Impuls:

 

Nicht darum, die Vergangenheit zu korrigieren. Sondern darum, einen Moment noch einmal zu betreten – und zu schauen, was heute möglich wäre.

 

Schreibimpuls

Lass deinen Blick zurückschweifen.

 

Gibt es eine Begebenheit aus deiner Jugend, über die du heute noch manchmal nachdenkst? Etwas, das dich immer wieder aufsucht?

 

Oder einen Moment, an dem du heute denkst: Wenn ich damals anders gehandelt hätte, wäre vielleicht auch mein Leben anders verlaufen?

 

Geh zurück zu diesem Moment. Tauche noch einmal ein. Schreibe die Szene so, als würde sie jetzt gerade passieren.

 

Und dann schau, was geschieht, wenn du heute dort auftauchst.

  • Bleibst du stehen?
  • Fragst du nach?
  • Sagst du etwas, das damals ungesagt blieb?

Vielleicht schreibst du die Szene um. Vielleicht auch nicht. Aber vielleicht entdeckst du etwas darüber, wer du damals warst – und wo du heute stehst.

 

Zum Schluss

Vielleicht geht es nicht darum, die Vergangenheit umzuschreiben. Sondern darum, heute genauer hinzusehen,

wo wir damals einfach weitergegangen sind.

 

Ich wünsche dir viel Freude beim Schreiben und gute Erkenntnisse!

Herzliche Grüße, 

Ute