Mit viel zu viel Zeug angekommen
Mit viel zu vielen Taschen bin ich angekommen – Marmeladengläser, kleine Zettel, Postkarten, ein Säckchen für die Partnerwahl – und meine Tochter an meiner Seite, die ich gebeten hatte mitzukommen, weil ich mir von ihr einen ehrlichen, vielleicht auch kritischen Blick auf meine Arbeit erhofft hatte.
Der Raum in der VHS in der Yorkstraße war mir noch nicht wirklich vertraut, ich war erst einmal dort gewesen, und wie so oft begann alles damit, dass wir Tische rückten, eine U-Form entstehen ließen, Bücher nach hinten legten und ganz nebenbei die neue Tafel ausprobierten, die gleichzeitig Projektionsfläche ist.
Ich war nicht wirklich aufgeregt, aber auch nicht ganz ruhig, eher in diesem Zwischenzustand, in dem man spürt, dass etwas beginnen wird – und gleichzeitig noch nicht ganz angekommen ist, und mein Einstieg war, das merkte ich ziemlich schnell, etwas zu sehr von organisatorischen Dingen geprägt, ich wollte alles klären, alles gut vorbereiten – und während ich sprach, lief in mir schon der Gedanke mit: Beim nächsten Mal anders.
Und dann saßen sie sich gegenüber
Drei Fragen. Drei Eigenschaften. Ein erster Zugang zu einer Reise, die jede für sich schon ausgewählt hatte. Ich erinnere mich nicht an jede einzelne Rückmeldung, aber ich erinnere mich an dieses vorsichtige Ankommen, an das Zögern in den ersten Sätzen, an eine Teilnehmerin, die sagte, sie sei im Erstkontakt eher schüchtern, und an eine andere, die sich als jemand beschrieb, der immer auf das Positive schaut und neue Wege findet, wenn etwas schiefgeht.
Und dann – fast unmerklich – wurde es wärmer im Raum.
Schreiben, zuhören, wieder schreiben
Am ersten Tag ging es ums Sammeln, um dieses langsame Wiederannähern an Erinnerungen, die irgendwo da sind und oft erst über Umwege wieder auftauchen – über Wörter, Gerüche, kleine Szenen, die sich beim Schreiben zeigen. Wir haben Orte gesammelt, nicht nur die normalen, auch die kleinen, wie z.B. das Badezimmer in der Unterkunft, das Stockbett in der Jugendherberge, der Einkaufladen um die Ecke. Doch, an welchem Ort ist etwas passiert? So wollen wir von der Beschreibung in die Erzählung kommen.
Und immer wieder dieser Rhythmus: schreiben, innehalten, vorlesen, zuhören – und dann noch einmal hinschauen, schärfen, verdichten.
Ich habe gemerkt, wie sich mit jedem vorgelesenen Text etwas verändert, wie der Raum ein Stück vertrauter wird, wie aus vorsichtigen Sätzen plötzlich klare Bilder entstehen – einfach, weil sie gehört werden.
Marmeladenglasmomente
... sind Momente, die wir bewahren wollen. Sie sind aus unseren Erinnerungen aufgetaucht und sie werden stichwortartig auf kleinen Zetteln festgehalten. In dunkleren Zeiten - vielleicht im nächsten Winter - können wir sie hervorholen und uns an ihnen erfreuen. Diese Idee geht zurück auf meine Freundin Sandra Deistler und Ihre Impulskarten zur Selbstwirksamkeit.
Und oft waren es genau diese kleinen Dinge, die zu den stärksten Szenen wurden.
Die Geschichten im Gepäck
Von den einzelnen Reisen möchte ich gar nicht zu viel erzählen, weil vieles sehr persönlich war. Und doch blitzen sie auf, diese Orte – wie kleine Lichter:
- Namibia, weit und still. Eine Mutter und ein Sohn, die ganz neue Seiten am anderen kennenlernen.
- Italien nach dem Abitur, ein erstes Aufbrechen, das mit vielen Serpentinen beginnt.
- Portugal mit Zug und Rucksack, kurzentschlossen ausbrechen aus starren Strukturen.
- Eine Wanderung durch Slowenien, zwei junge Frauen am Rande der Soca.
- Eine Schulabschlussreise nach Paris, irgendwo zwischen Leichtigkeit und Abschied.
- Australien mit langen roten Sandpisten, die nicht immer einfach zu befahren waren.
- Und der Süden Spaniens mit goldenem Licht und Papayas im Garten.
Und mitten darin immer wieder ganz eigene, sehr persönliche Wege. Ich habe gespürt, wie wichtig manche Geschichten waren, ohne dass sie ganz ausgesprochen werden mussten. Aber manches wurde auch ausgesprochen. Und wie es immer ist beim Biografischen Schreiben: Durch den Austausch wird der Raum immer vertrauter und dann haben manchmal auch sehr persönliche Geschichten Platz. Da blitzen Vater-Tochter-Geschichten auf und Mutter-Tochter-Geschichten breiten ihre Flügel aus.
Was denkst du Fremde/r?
Eine Übung hat besonders viel ausgelöst: einen fremden Menschen beobachten und dann aus zwei Perspektiven schreiben – aus der eigenen und aus der des anderen. Es ist herausfordernd einen Fremden aus der Reise zu picken und auf ihn zu schauen - noch herausfordernder mit seinen oder ihrem Blick auf uns selbst zu schauen. Da ergeben sich ganz neue Blicke.
Ich sehe dich wie du barfuß im nassen Sand stehst und auf das Wasser schaust
Ich sehe dich neben deiner Angel, die sich kaum bewegt
Ich sehe dich als würdest du schon lange warten
Du siehst mich vielleicht nur als Schatten im Sand
Du siehst mich kurz, ohne den Kopf zu heben
Du siehst mich und wendest dich wieder dem Meer zu
Am Ende bleiben wir beide an unseren eigenen Ufern.
Schreiben wie mit einer Lupe
Wir haben im Workshop auch mit „Show, don’t tell“ gearbeitet – also mit der Frage, wie ein Text lebendiger wird, wenn er nicht nur erzählt, sondern zeigt.
Ich hatte dafür einen eigenen Reisetext aus Orléans mitgebracht, entstanden aus einem Sprachmemo während der Fahrt. Noch ganz nah am Erleben, schnell gesprochen, voller Wiederholungen und Bewertungen:
„ein sehr, sehr schönes Hotel“
„die Loire sieht wunderschön aus“
„das sieht sehr hübsch aus“
Gemeinsam haben wir untersucht, warum solche Formulierungen zwar etwas benennen, aber noch keine Bilder entstehen lassen. Hierzu setzten wir die KI (Künstliche Intelligenz) ein: Sie sollten uns Stellen zeigen, die eher erzählen als zeigen. Sie erklärte uns, woran man das erkennt und zeigte danach Möglichkeiten auf, konkreter und sinnlicher zu schreiben. Sie stellte uns Fragen wie: Welche Farbe hatte das Wasser der Loire oder wie klang der Zug auf der Brücke und half uns so eine Erinnerung lebendiger zu schildern, sodass auch vor dem inneren Auge der Leserin oder des Lesers ein Bild entsteht.
Viele Anfänge, keine Mitte
Am zweiten Tag wurde es anspruchsvoller. Die Texte vom Vortag lagen vor ihnen, wurden auf Karten geschrieben, mit Überschriften versehen, sortiert, verschoben, neu gedacht. Ich kenne dieses Gefühl selbst sehr gut: dass vieles da ist und gleichzeitig noch nicht zusammenpasst.
Meine Tochter sagte irgendwann, sie habe viele Anfänge, aber kaum eine Mitte.
Ich musste lächeln.
Zwischen Bild und Bedeutung
Auch die Arbeit mit Metaphern hat viele noch einmal anders gefordert. Ein Bild zu finden, das etwas trägt, ohne es zu erklären, ist schwerer, als man denkt. Vielleicht auch, weil wir zuerst zu Bildern greifen, die wir schon kennen.
- Frei wie ein Vogel.
- Stark wie ein Löwe.
- Ein gebrochenes Herz.
- Schmetterlinge im Bauch.
Sie funktionieren – und gleichzeitig hauen sie niemanden mehr vom Hocker. Und dann, ganz langsam, manchmal auch holprig entstehen andere Bilder, frischere. Wie vieles ist auch das eine Übungssache.
- Bei der Abfahrt löst sich der Alltag von mir und bleibt wie ein schwerer Klumpen am Ufer zurück.
- Ich fühle mich wie die Möwe, die beim Ablegen vor uns herschwebt.
Wir haben uns ein bisschen mit Storycubes geholfen ...
Und bevor wir zum Ende der Reise kamen, ging es auch noch um "Krimi-Momente", das sind die Momente, die eine Erzählung spannend machen. Ein verpasster Zug? Ein verlorenes Portemonnaie? Eine peinliche Hinterlassenschaft? Immer her damit! Das erzeugt Spannung.
Heimkehr
Am Ende stand der Spruch meines ehemaligen Schwiergervaters: "Das Schönste an jeder Reise ist für mich, wenn ich den Schlüssel in meine Haustür stecke."
Die Tür.
Der Schlüssel.
Das Zurückkommen.
Du schließt auf, trittst ein – und bist nicht mehr ganz dieselbe wie die, die losgegangen ist. Was hat sich verändert? Schreib darüber.
Ein Buch entsteht
Und bevor wir uns trennten wurde es noch einmal spielerisch:
- Wie würde deine Reise aussehen, wenn sie ein Buch wäre?
- Welchen Titel hätte sie?
- Wie sähe das Cover aus?
Ich bin selbst vorangegangen. Eine Frau im Garten. Schreibend. Zwischen Alltag und Sehnsucht.
Mein Leben zwischen Stundenplan und Sehnsucht – Wie ich auf der Île de Ré begann, mich neu zu schreiben. Das war der Titel meiner Reiseerzählung über den Sommer 2025.
Müde und erfüllt
Als ich später nach Hause ging, war ich müde und gleichzeitig erfüllt, so ein schönes Gefühl und so anders als ich oft aus der Schule weggehe. Ich glaube, alle Teilnehmerinnen, die da waren, haben viele schöne Momente ihrer Reise noch einmal erlebt und manche konnte erkennen, dass Reisen keine Inseln in unserem Leben sind. Sondern dass sie eingesponnen sind in das Ganze - sie sind nicht aus dem Nichts entstanden und sie gehen auch nicht ins Nichts. Sie sind ein Teil unserer gesamten Lebensreise und sie prägen uns.
Und vielleicht ist es genau das, was bleibt:
Dass jede Reise weitergeht, wenn wir beginnen, sie aufzuschreiben.
Sand an den Füßen
Vor mir das Meer, still und blau
Alles wird gut werden
Und während ich das schreibe, merke ich, wie nah dieses Gefühl auch an meinem eigenen Schreiben ist – an dem, was sich gerade langsam verändert, leise, fast unbemerkt.
Ein Zevenaar aus meinem eigenen Schreiben:
Im Garten auf der Île de Ré
schreibe ich ein Buch
wann ist es gekippt
mein Leben als Lehrerin
leicht begann es, wurde schwer
im Garten auf der Île de Ré
schreibe ich ein Buch
Und wie ist es mit dir? Habe ich dir Lust gemacht über eine deiner Reisen zu schreiben? Dann nichts wie los! Fang an, schreib wie dir der Schnabel gewachsen ist und kümmere dich erst im Nachhinein um Show, don't tell, um Spannung und Metaphern. Schreib dich erst einmal frei, das Nachbearbeiten darf später kommen. Und nur wenn du magst.
In diesem Sinne, herzliche Grüße
Ute Matthias





