Aufbruch beginnt manchmal lange vor dem ersten gepackten Koffer
Bei mir begann er mit einem Buch. Mein Vater gab mir "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Wahrscheinlich wollte er mich abschrecken. Für ihn bedeutete Berlin Gefahr und Kontrollverlust. Für mich roch diese Welt nach Freiheit.
Ich kam aus einem großen Haus auf dem Land. Es gab einen Garten, feste Regeln und einen eher strengen Vater. Eine Mutter, der ich mich sehr nah fühlte.
Und dann war da plötzlich Achim.
Wir hatten uns auf Sylt kennengelernt. Er lebte bereits in Berlin und schrieb mir die schönsten Liebesbriefe, die ich je bekommen hatte. Ich las sie immer wieder. In seinen Briefen klang Berlin nach einem anderen Leben, nach Musik, Freiheit und Sehnsucht. Während andere von Urlauben oder Partys träumten, träumte ich von Berlin. Von uns. Von einer gemeinsamen Zukunft in dieser aufregenden Stadt. Ich war jung genug zu glauben, dass Liebe und Aufbruch vielleicht dasselbe seien.
Der Traum von Berlin
Je näher der Umzug rückte, desto häufiger stellte ich mir vor, wie mein neues Leben aussehen würde. Ich würde eine Ausbildung bei IBM beginnen, zum ersten Mal allein wohnen und gleichzeitig mit dem Menschen zusammen sein, den ich liebte. Für mich gehörte das alles zusammen.
Deshalb traf mich seine Trennung wie ein Schlag.
Wenige Wochen vor meinem Umzug rief Achim an. Wir hatten damals keine Handys. Das Telefon stand im Flur, ein graues Gerät mit einer gedrehten Schnur. Ich saß auf einem harten Holzstuhl mit einer geflochtenen Sitzfläche und hörte zu, wie er mir sagte, dass es vorbei sei.
An die genauen Worte erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an das Gefühl. Mit jedem Satz zerfiel ein Stück meiner Zukunft. Nicht nur unsere Beziehung brach auseinander. Auch das Bild, das ich mir von Berlin gemacht hatte. Die Stadt der Sehnsucht, die Stadt der Liebesbriefe, die Stadt, in der wir gemeinsam neu anfangen wollten.
Als das Gespräch beendet war, ging ich weinend in den Keller. Meine Mutter war in der Waschküche. Zwischen Waschmaschine, Wäschekörben und dem vertrauten Geruch von Waschmittel hoffte ich auf Trost, auf einen Satz, der alles etwas leichter machen würde.
Doch sie sagte nur: „Du gehst trotzdem.“
Bis heute weiß ich nicht, warum sie das sagte. Vielleicht war der Ausbildungsplatz bei IBM zu wichtig, um ihn aufzugeben. Dort arbeiteten schließlich auch meine Eltern. Vielleicht wollte sie mich vor meinem Vater schützen, der schnell laut werden konnte, wenn etwas nicht nach Plan lief. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes.
Damals hörte ich nur eines: Ich würde fahren. Ohne Achim.
In diesen Wochen lernte ich Andreas kennen, den alle nur Andi nannten. Wir begegneten uns bei einer Freundin, bevor ich nach Berlin zog. Er half mir durch diese schwere Zeit.
Allein in der großen Stadt
Und so zog ich nach Berlin. Nach Mariendorf. Fünfter Stock. Eine kleine Wohnung in einer Wohnanlage mit Aufzug, Müllschlucker und Waschmaschinen im Keller. Wenn sich die Aufzugtüren öffneten, empfing mich dieser typische Geruch großer Wohnanlagen – schwer zu beschreiben, irgendwie steril, nach Beton, Reinigungsmitteln und fremden Menschen. Nichts erinnerte an Zuhause. Ich fühlte mich wie eine Ameise in einem riesigen Ameisenhaufen.
Wer durch die Wohnungstür kam, blickte direkt ins Badezimmer mit Dusche, Waschbecken und Toilette. Dahinter lag das Wohnzimmer mit einem schmalen Bett, einem kleinen Tisch und Möbeln, deren abwaschbare Oberflächen eher praktisch als schön waren. Alles wirkte fremd und gleichzeitig ein wenig beängstigend.
Nachts ließ ich die kleine Lampe auf meinem Nachttisch brennen. Eigentlich war sie viel zu hell, und oft wachte ich davon auf. Trotzdem machte ich sie nicht aus. Nicht, wenn ich allein war. Ich dachte oft an Mama.
Tagsüber fühlte ich mich erwachsen. Nachts manchmal überhaupt nicht. Dann lag ich in meinem schmalen Bett, hörte irgendwo den Aufzug fahren oder eine Tür zufallen und wusste plötzlich wieder, wie weit ich von zuhause entfernt war.
In dem weißen Regal standen eine Flasche Martini und eine mit Campari. Ich mochte beides gern und hatte die Flaschen einfach gekauft, weil ich es konnte. Das klingt heute vielleicht nicht besonders aufregend. Für mich war es das damals schon. Zum ersten Mal wohnte ich allein. Zum ersten Mal musste ich niemandem erklären, was ich kaufte oder warum.
Es waren diese kleinen Dinge, die mir zeigten, dass ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte. In der kleinen Küche mit der roten Arbeitsplatte standen Nasi-Goreng-Dosen und löslicher Kaffee. Aus dem Fenster blickte ich auf einen grauen Hinterhof mit steinernen Blumenkästen, in denen ein paar Geranien blühten. Meine Eltern bezahlten die Miete, ich machte meine Ausbildung bei IBM und begann langsam zu begreifen, dass Erwachsensein viel mit Alleinsein zu tun hatte.
Gegen die Stille kaufte ich mir eine Katze. Sie hieß Pünktchen und war schwarz mit einem weißen Punkt auf der Nase.
Freiheit und ihre Schatten
Irgendwann tauchte Achim wieder auf.
Anfangs glaubte ich, nun würde doch noch alles gut werden. Doch Freiheit bedeutet nicht automatisch, dass alte Muster verschwinden. Achim konnte unglaublich romantisch sein und gleichzeitig kontrollierend. Damals fehlten mir die Worte dafür. Ich spürte nur, dass ich mich oft kleiner fühlte, als ich sein wollte.
Einmal weckte er mich mitten in der Nacht und bestand darauf, dass ich aufstand, um das Katzenklo sauber zu machen. Solche Situationen erschienen mir damals normaler, als sie es waren. Erst viele Jahre später verstand ich, dass Enge nicht immer laut daherkommt und dass man sich auch in einer großen Stadt unfrei fühlen kann.
Die Tür, die sich schloss
Als ich Weihnachten zuhause war, traf ich Andi wieder. Er malte, zeichnete und schrieb Gedichte. Neben ihm wurde etwas in mir ruhig. Mit ihm musste ich nichts darstellen und nichts beweisen. Er nannte mich Elisabeth und er war Cesaré. Ich weiß nicht mehr warum, aber es war hübsch – irgendwie.
Eigentlich wusste ich von diesem Zeitpunkt an, dass ich gehen wollte.
Doch wie so oft im Leben dauert es eine Weile, bis das Herz den Mut findet, dem nachzugehen, was es längst weiß.
Dann kam dieser graue Samstag in Berlin. Ich wollte hinaus, Blumen kaufen, durch die Stadt laufen, einfach weg aus der Wohnung. Achim wollte wieder nicht mitkommen. Der Fernseher lief. Die Stunden zogen sich dahin. Und plötzlich war da dieser Moment, in dem etwas in mir müde wurde vom ständigen Hoffen, Erklären und Aushalten.
Ich sagte: „Wenn ich zurückkomme, liegt hier mein Schlüssel auf dem Tisch und du bist weg.“
Er sah mich an und antwortete: „Wenn du jetzt gehst, siehst du mich nie wieder.“
Mit einem Ruck zog ich die Tür ins Schloss. Nur fort.
Am Bahnhof Zoo
Danach fuhr ich mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo. Im Fastfoodrestaurant roch es nach Frittierfett und nassen Jacken. Draußen schoben sich Menschen über den Bahnhofsvorplatz. Ich saß mit meinem Zugticket zwischen den Händen und spürte etwas, das größer war als Angst.
Erleichterung.
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich nichts mehr aushalten. Ich hatte ein Ticket nach Hause gekauft. Nach Hause zu Andi.
Mehr als ein Ortswechsel
Mit ihm zog ich später nach Lichterfelde in eine wunderschöne möblierte Wohnung. Ein neuer Lebensabschnitt begann.
Wenn ich heute über Aufbruch nachdenke, denke ich deshalb nicht nur an den ersten Auszug von zuhause. Ich denke auch an die Momente, in denen wir ein zweites oder drittes Mal aufbrechen müssen, weil wir erkennen, dass Freiheit mehr ist als eine andere Adresse und dass ein neues Leben manchmal erst dort beginnt, wo wir den Mut finden, etwas hinter uns zu lassen.
Schreibimpuls: Meine erste eigene Wohnung
Erinnere dich an deine erste eigene Wohnung. Vielleicht war es ein möbliertes Zimmer, ein Studentenwohnheim, eine kleine Dachwohnung oder ein Apartment in einer fremden Stadt.
Schreibe „Meine erste eigene Wohnung“ in die Mitte eines Blattes.
Und dann sammle alles, was dir dazu einfällt.
- Wie sah die Wohnung aus?
- Was stand in der Küche?
- Worauf warst du besonders stolz?
- Was konntest du plötzlich tun, weil niemand mehr mitredete?
- Was hast du vermisst?
- Wer half dir beim Umzug?
- Wie fühlte sich die erste Nacht dort an?
Schau anschließend auf deine Sammlung und wähle das Detail aus, das dich gerade anspricht.
Beginne deinen Text mit:
„Wenn ich an meine erste eigene Wohnung denke, sehe ich als Erstes ...“ und schreibe zehn Minuten lang ohne abzusetzen.
Lass dich treiben, so wie ich. Halte nicht zu sehr an deinem Anfangspunkt fest. Oft führen uns Erinnerungen an Orte, mit denen wir gar nicht gerechnet haben.
Danach kannst du entscheiden, ob aus diesem kleinen Text eine größere Geschichte für deine Autobiografie werden möchte.
Viel Spaß damit!
Ich grüße dich herzlich
deine Ute
