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Meine Biografie: Beruf und Berufung

Der rote Faden, der blieb 

Wie ich auf Umwegen zu dem kam, was wirklich zu mir passt 

 

„Warum möchten Sie denn Krankenschwester werden?“

 

Ich weiß nicht mehr, wie das Büro der Oberschwester aussah. Vielleicht stand dort ein großer Schreibtisch, vielleicht roch es nach Desinfektionsmittel und Bohnerwachs. Ich weiß nur noch, dass ich fünfzehn oder sechzehn war und eine Antwort hatte, die mir damals völlig selbstverständlich vorkam.

 

„Weil ich Menschen helfen möchte.“

 

Meine Mutter hatte den Termin für mich organisiert. Die Oberschwester nickte, aber dann begann sie aufzuzählen: pflegen, versorgen, waschen, organisieren. Ihre Stimme war sachlich, fast freundlich. Während sie sprach, wurde aus meinem Bild von Nähe und Trost etwas Praktisches, Nüchternes, Fremdes.

 

Ich wurde keine Krankenschwester.

 

Später wollte ich Französischlehrerin werden. Eine junge Referendarin nahm uns mit in den Park, ließ uns kleine Szenen spielen und sang mit uns Edith Piaf. Französisch war bei ihr keine Reihe aus Vokabeln. Es war Sommerluft, ein anderer Klang, eine Tür in eine andere Welt.

 

Auch Psychologie hätte ich mir vorstellen können. Menschen verstehen. Hören, was nicht gesagt wird. Worte finden für das, was sonst nur als Sorge oder Schweigen im Raum steht.

 

Dann kam Berlin

Ich wollte nach dem Abitur sofort dorthin, zu Achim, in diese große Stadt und in ein Leben, das endlich mein eigenes sein sollte. Studieren, sagten meine Eltern, könnten sie mir dort nicht finanzieren. Also bewarb ich mich bei IBM.

 

Als in der Ausbildung von Großrechnern, Datenplatten und technischen Abläufen die Rede war, saß ich da und dachte: Wovon reden die eigentlich? Technik war nicht meine Welt. Aber Berlin war wichtiger als jede Berufsfrage.

 

Der Schlüssel, den ich nicht hatte

Später studierte ich BWL. Nach den ersten Vorlesungen kaufte ich mir ein Fremdwörterlexikon. Ich schlug Begriffe nach, bei denen ich das Gefühl hatte, alle anderen hätten längst einen Schlüssel bekommen – nur ich nicht. Also suchte ich mir meinen eigenen. Ich biss mich fest. Ich wurde gut. Sehr gut sogar. Am Ende gehörte ich zu den besten Absolventinnen. Mein Vater lobte mich endlich.

 

Es ist seltsam, wie erfolgreich man in etwas werden kann, das man nicht aus dem eigenen Herzen gewählt hat.

 

Von Ordnern und Stiften

Während des Studiums arbeitete ich zeitweise in einem Supermarkt. Dort lernte ich Alpi kennen. Später fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, an einem Bildungszentrum zu unterrichten.

 

„Was denn?“, fragte ich.

 

„Bürowirtschaft“, sagte er. „Das ist doch irgendwas mit Ordnern und Stiften.“

 

Ordner und Stifte. Das konnte ich.

 

Fünfzig D-Mark die Stunde

Wenig später saß ich bei Frau Buchholz. Sie fragte, was ich unterrichten wolle und wie viel ich verdienen möchte.

 

„Bürowirtschaft“, sagte ich. „Und fünfzig D-Mark die Stunde.“

 

Sie nickte und schickte mich hinaus, um Lehrplan und Vertrag abzuholen. So einfach ging das.

 

Plötzlich stand ich vor einer Gruppe von Menschen, die sich beruflich neu orientieren mussten. Die laterale und die vertikale Hängeregistratur wurden nie meine Leidenschaft. Aber beim kaufmännischen Rechnen begann etwas aufzuleuchten.

 

Das kleine Nicken

Ich zeichnete Kästchen und Pfeile an die Tafel. Erst dies, dann das, dann der nächste Schritt. Ich wartete, erklärte noch einmal, zeigte einen anderen Weg. Und manchmal veränderte sich ein Gesicht.

 

Erst die gerunzelte Stirn. Dann ein Blick auf das Blatt. Schließlich dieses kleine Nicken, kaum sichtbar:

Ah. Jetzt habe ich es verstanden.

 

Diese Momente machten mich glücklich.

 

Nicht, weil ich etwas besonders klug erklärt hatte. Sondern weil ich merkte: Ich kann Menschen helfen, einen Weg durch etwas Schwieriges zu finden. So wurde ich Lehrerin.

 

Der Wunsch blieb

Viele Jahre später, nach einer Trennung und in einer Zeit, in der ich viel arbeitete und oft erschöpft war, begann ich eine Coachingausbildung. Der Wunsch, Menschen tiefer zu verstehen und zu begleiten, war nie ganz verschwunden.

 

Ein Wort auf dem Ressourcenbaum

In einer Übung malten wir einen Ressourcenbaum. Auf seine Äste schrieben wir alles, was uns trägt: Fähigkeiten, Erfahrungen, Kraftquellen.

 

Ich nahm meinen Stift und schrieb ein Wort auf einen Ast: Schreiben.

 

Dabei war das Schreiben schon viel länger da. Als meine Tochter klein war und ich mir zeitweise kaum vorstellen konnte, jemals wieder außerhalb des Hauses zu arbeiten, hatte ich ein Fernstudium zur Autorin begonnen. Schreiben war vielleicht ein Versuch, mir eine Zukunft offen zu halten. Vielleicht wollte ich einfach wieder eine Stimme haben, die meine eigene war.

 

Später sagte eine Frau in der Coachingausbildung zu mir: „Coaching machen viele. Aber diese Verbindung mit dem Schreiben – das macht kaum jemand. Mach das.“

 

Ich habe es nicht sofort gemacht. Aber ich habe diesen Satz nicht vergessen.

 

Was ich heute sehe

Heute sehe ich meinen Weg anders als früher. Ich sehe nicht nur die Umwege, die fremden Welten und die Anerkennung, die ich mir so sehr wünschte.

 

Ich sehe einen roten Faden.

 

Menschen. Sprache. Lernen. Struktur. Geschichten. Schreiben.

 

Vielleicht besteht unser Lebensweg nicht nur aus den Entscheidungen, die wir bewusst treffen. Vielleicht besteht er auch aus dem, was immer wieder zu uns zurückkehrt, weil es längst zu uns gehört.

 

Kleines Schreibwegweiser

Ein Lebensbereich wie Beruf, Familie, Liebe oder Wohnen umfasst oft viele Jahre. Wenn wir beginnen, darüber zu schreiben, scheint zunächst alles wichtig: die erste Ausbildung, die Menschen, die uns beeinflusst haben, Unterbrechungen, Entscheidungen, Erfolge, Enttäuschungen und Neuanfänge.

 

Aber ein Kapitel deiner Biografie muss nicht alles erzählen.

 

Es braucht einen eigenen inneren Bogen. Eine Frage, eine Sehnsucht, einen Konflikt oder eine Erkenntnis, die die verschiedenen Erinnerungen miteinander verbindet. Um diesen roten Faden zu finden, kannst du dein Material zunächst verdichten. Formuliere deinen Weg erst in zehn Sätzen, dann in fünf, dann in drei – und schließlich in einem einzigen Satz.

 

Dieser Satz ist nicht das Kapitel. Er ist dein Kompass.

 

Er hilft dir zu erkennen: Wovon handelt dieses Kapitel wirklich? Welche zwei oder drei Szenen zeigen das besonders deutlich? Und welche Stationen dürfen im Hintergrund bleiben, weil sie für den roten Faden nicht unbedingt erzählt werden müssen? Erst wenn du das weißt, schreibst du dein Kapitel.

 

Mein Beispiel

In 10 Sätzen

  1. Als Jugendliche wollte ich Krankenschwester werden, weil ich Menschen helfen wollte.
  2. Später wollte ich Französisch unterrichten. Und manchmal stellte ich mir vor, Psychologin zu werden und Menschen zu begleiten.
  3. Doch weil ich unbedingt nach Berlin wollte, machte ich erst einmal eine kaufmännische Ausbildung bei IBM.
  4. Danach studierte ich BWL, kaufte mir ein Fremdwörterlexikon und biss mich durch.
  5. Ich wurde gut darin, mich in Dinge einzuarbeiten, die zunächst nicht meine Welt waren.
  6. Zum Unterrichten kam ich dann doch eher zufällig, als jemand sagte, Bürowirtschaft sei doch „irgendwas mit Ordnern und Stiften“.
  7. Vor meiner ersten Gruppe merkte ich beim Erklären von Rechenwegen: Das liegt mir.
  8. Ich kann Menschen helfen, einen Weg durch etwas Schwieriges zu finden.
  9. Jahre später schrieb ich in einer Coachingausbildung „Schreiben“ auf meinen Ressourcenbaum.
  10. Erst im Rückblick verstand ich, dass Menschen, Sprache, Lernen und Geschichten immer mein roter Faden waren.

In 5 Sätzen

  1. Ich wollte immer Menschen helfen und träumte von Sprachen, Psychologie und Freiheit.
  2. Mein Weg führte mich zunächst über Berlin, IBM und ein BWL-Studium, durch das ich mich mit viel Fleiß hindurcharbeitete.
  3. Zum Unterrichten kam ich fast zufällig.
  4. Vor meiner ersten Gruppe merkte ich: Ich kann Menschen etwas erklären und ihnen einen Weg durch Schwieriges zeigen.
  5. Später begriff ich, dass Menschen, Sprache, Lernen und Schreiben immer mein roter Faden waren.

In 3 Sätzen

  1. Ich wollte immer Menschen helfen, doch mein Weg führte mich zunächst durch fremde Welten aus Technik, Zahlen und Leistung.
  2. Als ich vor einer Gruppe stand und Menschen etwas erklären durfte, merkte ich: Hier bin ich richtig.
  3. Später verstand ich, dass Menschen, Sprache, Lernen und Schreiben immer mein roter Faden waren.

In 1 Satz

  1. Ich wollte immer Menschen helfen – und erst im Rückblick verstand ich, dass Menschen, Sprache, Lernen und Schreiben dabei mein roter Faden waren.

 

Schreibimpuls: Den roten Faden finden

Nimm ein Blatt Papier und ziehe eine waagerechte Linie. Trage darauf alles ein, was zu deinem Weg durch Arbeit, Ausbildung und Berufung gehört: frühe Berufswünsche, Schulabschlüsse, Ausbildungen, Studienzeiten, Arbeitsstellen, Familienphasen, Unterbrechungen, Fortbildungen, Ehrenamt, Neuanfänge, Menschen, die dich beeinflusst haben, und Entscheidungen, die deinen Weg verändert haben.

 

Dann verdichte deine Lebenslinie: Formuliere deinen Weg in zehn Sätzen, kürze ihn auf fünf, dann auf drei und schließlich auf einen Satz.

 

Lege diesen letzten Satz beim Schreiben neben dich. Er hilft dir zu entscheiden: Welche Szene macht meinen roten Faden sichtbar? Was darf ich weglassen oder nur kurz erwähnen?

 

Wähle danach zwei oder drei Momente von deiner Lebenslinie aus, in denen sich dieser rote Faden besonders deutlich zeigt, und erzähle sie als kleine Szenen.

 

Manchmal zeigt sich der rote Faden nicht, wenn wir unser Leben planen. Sondern erst, wenn wir zurückschauen.Bevor du deine Geschichte schreibst, darfst du erst einmal alles sammeln.

 

Viel Freude wünsche ich dir beim Schreiben

deine Ute